"Tatort"-Fans lieben Martin Brambach als Kommissariatsleiter Schnabel im Dresdner Team. Im Interview spricht der Schauspieler jetzt über seine enge Verbindung zur Elbmetropole, seine glückliche Kindheit in Dresden – und warum er der Stadt jetzt sogar einen eigenen Reiseführer gewidmet hat.
Für Millionen TV-Zuschauer ist er als Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel im Dresdner "Tatort" bekannt, doch Martin Brambach (57) verbindet weit mehr mit der sächsischen Landeshauptstadt als nur seine Rolle. Geboren in Dresden, verbrachte der Schauspieler dort eine "sehr, sehr glückliche Kindheit", bevor er mit sechs Jahren nach Berlin zog. Jetzt hat er mit "Nice to meet you, Dresden!" (Polyglott) sogar einen eigenen Reiseführer über seine Heimatstadt veröffentlicht.
Im Interview mit spot on news offenbart der Schauspieler, der inzwischen seit vielen Jahren in Recklinghausen im Ruhrgebiet lebt, seine tiefe Verbindung zu der Stadt an der Elbe. Außerdem spricht er über Ost-West-Klischees und verrät, wie sich die Dynamik beim Dresdner "Tatort" nach dem Ausstieg seiner Kollegin Karin Hanczewski (43) verändert hat.
Martin Brambach: Das ist schon etwas sehr Besonderes. Ich bin die ersten Lebensjahre in Dresden aufgewachsen und habe eine sehr, sehr glückliche Kindheit dort verbracht. Das Glück hörte erst auf, als ich mit sechs Jahren nach Berlin gezogen bin. Dort bin ich sozusagen in die raue Realität gekippt. Aber davor haben wir wahnsinnig schön gewohnt in einer fast dörflichen Ecke in Dresden, mit alten Fachwerkhäusern direkt am Waldgebiet. Ich habe so schöne Erinnerungen und eine so freie Kindheit genossen, dass Dresden für mich schon eine große Rolle im Kopf spielt. Ich verbinde große, heimatliche Gefühle mit Dresden. Ich bin immer ganz aufgeladen, wenn ich in der Stadt bin.
Brambach: Im Ruhrgebiet bin ich natürlich im Alltag zu Hause. Aber ich genieße die Zeit in Dresden auch sehr. Der Reiseführer hatte auch zwei kleine egoistische Motive: Das eine war, dass ich mehr über die Geschichte meiner Familie wissen wollte. Mein Vater kommt aus Dresden, ist dort zur Schule gegangen, hat die Bombardierung erlebt und den Wiederaufbau, die DDR. Das wollte ich alles genau wissen, denn mich interessiert dieses spannende persönliche Stück Zeitgeschichte sehr. Wir haben dann ein paar sehr schöne Tage in Dresden verbracht und auch die Orte meiner Kindheit besucht.
Das andere Motiv war, dass ich selbst Dresden noch besser kennenlernen wollte. Bei unseren Dreharbeiten zum "Tatort" bleibt ja leider nur wenig Zeit.
Brambach: Das könnte durchaus sein. Aber ich fühle mich hier im Ruhrgebiet natürlich sehr wohl, ich mag die bodenständige Mentalität der Menschen sehr und es ist hier auch ein bisschen günstiger zu wohnen. So schön, wie ich hier lebe, könnte ich es mir in Dresden wahrscheinlich gar nicht leisten. (lacht)
Brambach: Früher war ich eher sporadisch in Dresden, meistens auf der Durchreise und gar nicht so gezielt. Und plötzlich hat man das Privileg, dass man in seiner Heimatstadt Zeit verbringen darf und dafür auch noch bezahlt wird. Das hat ganz viel verändert. Schon nach den ersten Drehtagen bin ich dorthin gefahren, wo ich aufgewachsen bin. Dann kamen die Erinnerungen.
Brambach: Natürlich hat man dann noch mal eine andere Berührung und setzt sich ganz anders damit auseinander. Wir hatten auch mal einen Fall, in dem meine Figur die Pegida unterstützt. Da macht man sich natürlich mehr Gedanken, als wenn ich jetzt in Hamburg einen Polizisten spiele. Dass es in seiner Heimatstadt, sagen wir mal, politischen Zündstoff gibt, das beschäftigt einen dann doch mehr. Man sucht Erklärungen dafür. Ich habe dann auch mit Leuten geredet, die zur Pegida gehen und Leute, die dagegen Widerstand leisten, haben mir wiederum Geschichten erzählen. Man beschäftigt sich damit intensiver.
Brambach: Ich hoffe beides. Fürs Traditionelle ist meine Figur zuständig, Schnabel ist ja doch sehr wertebasiert und konservativ. Und dagegen gibt es dann die Kolleginnen auf der anderen Seite. Wir versuchen, Geschichten zu erzählen, die im Heute spielen und die auch die Widersprüchlichkeit der Stadt zeigen. Das ist ja die herrliche Ambivalenz: ein Konservatismus, aber auch eine moderne Seite. Gleichzeitig ist das eine Stadt, die ein starkes Bildungsbürgertum hat, mit einer großen Historie. Das ist ein großes Spannungsverhältnis.
Brambach: Man lebt als Schauspieler oder Künstler immer von Klischees, weil man Dinge vergrößern muss. Bei meinem ersten Dresdner "Tatort" ist uns das ein bisschen auf die Füße gefallen. Da gab es eine Figur, die den Menschen in Dresden zu klischeehaft war. Natürlich versucht man darauf zu achten, dass man die Dinge in ihrer Wirklichkeit einfängt. Die ist ja immer widersprüchlich und eben nie einfach.
Der Osten wird nach den Wahlen jetzt noch mal mehr mit AfD und rechts identifiziert, das hat aber ganz komplexe Wurzeln. Wir sind alle Bürger eines Landes. Wir müssen eher gucken, dass wir zusammenfinden, als uns zu entzweien. Wenn die Leute in München oder Köln dann auch gerne den "Tatort" aus Dresden gucken, ist das schon mal ein Schritt Richtung Besserverstehen.
Brambach: Ich bin schon 1984 als 17-Jähriger in den Westen gekommen und bin in Hamburg nochmal aufs Gymnasium gegangen. Da gab es überhaupt kein Interesse daran, dass ich aus der DDR kam, kaum einer hat sich für Politik interessiert. Aber irgendwann fragte mich mal einer, ob wir eigentlich Rolltreppen in der DDR hatten. Das war ein Moment, in dem ich mit einem Klischee konfrontiert war - ich habe ihm dann geantwortet, dass wir eine einzige hatten, die aber nicht immer funktioniert hat. (lacht) Das hat er mir geglaubt.
So ist das mit Klischees, natürlich hat man immer etwas anhaften. Es gibt liebenswerte und bösartige Klischees, im besten Fall versucht man darüber zu stehen. Man kann sich selbst dem ja auch kaum erwehren, dass man immer etwas Typisches sieht. Unser Gehirn funktioniert so: Wir bilden Muster und ordnen Dinge immer eindeutig zu.
Brambach: Wir sind natürlich keine Fremdenverkehrswerbung. Beim Dortmunder "Tatort" war es einmal so, dass der Bürgermeister sich beschwert hat, wie seine Stadt dargestellt wurde. So etwas haben wir bis jetzt noch nicht erfahren. Wir erzählen interessante, zum Teil auch polarisierende Fälle über menschliche Abgründe. Bis jetzt habe ich das Gefühl, dass der Zuspruch in Dresden groß ist.
Ob das jetzt das Bild von Dresden wirklich verändert - die Differenz zwischen Städten in Deutschland bleibt ja bestehen. Aber dadurch, dass man Dinge immer wieder sieht, gewöhnt man sich daran, akzeptiert Differenzen viel mehr und sieht: Die reden lustigen Dialekt. Das ist ein Kulturvolk, die Sachsen. Die essen gerne gut, die haben Wein. Der Schnabel ist manchmal auch lustig. (lacht) Wir versuchen also schon, eine Lanze für Dresden zu brechen.
Brambach: Es ist es natürlich so: Wir spielen Figuren. Cornelia spricht ja jetzt auch nicht Dialekt, sie bemüht sich nicht darum, eine typische Dresdner Polizistin zu spielen, sondern stellt eine tolle Kommissarin dar. Was sie hier macht, würde in einer anderen Stadt, in einem anderen Format wahrscheinlich genauso funktionieren. Aber ich bemühe mich manchmal, ein bisschen Dialekt mit reinzunehmen, damit es eine Verortung gibt und der Handlungsort nicht beliebig ist. So wie ich das schön finde, wenn in Münchner "Tatort" Bayerisch gesprochen oder im Berliner berlinert wird.
Brambach: Ich finde das schon ein wenig traurig. Ich habe mich mit Karin hervorragend verstanden. Wir haben beide so viel Spaß am Spielen miteinander gehabt, am Improvisieren. Wir haben jetzt im neuen Fall ohne Karin gedreht. Das ist natürlich etwas anderes, auch für meine Figur. Vorher hatte Schnabel die zwei Frauen vor sich, da war die Reibung einfach. Da war das Bild ganz klar: der arme, überforderte Mann.
Aber jetzt arbeiten wir an zwei Folgen, die auch sehr aufregend sind. Bei dem einen stehe ich sehr im Vordergrund, der hat auch eine andere Tonalität. In dem Fall geht es um die Vergangenheit von Schnabel. Es geht um Dinge, die ihn sehr triggern. Es hat eine ganz andere Temperatur, aber es ist trotzdem dieselbe Figur. Es wird spannend - mal gucken, wie er bei den Leuten ankommt.
Bei dem anderen steht Cornelia mehr im Fokus, das ist ein richtiger Thriller geworden. Ich finde, in der Abwechslung liegt der Reiz. Dass man die Leute immer wieder ein bisschen überrascht: Der Schnabel kann auch ernsthafter sein. Wir suchen noch, wie sich die Dynamik entwickeln wird. Dieses Jahr drehen wir noch einen Fall, da gucken wir mal, wo die Reise hingeht. Wir haben aber sehr viel Spaß gehabt miteinander. Es steht und fällt am Ende des Tages sowieso immer mit den Drehbüchern. Und letztlich wird das Publikum entscheiden.
(eyn/spot)