„Tatort“ im Techno-Fieber: Kölner Krimi „Colonius“ holt die 90er zurück

09.03.2025 um 11:30 Uhr
    Zwei Männer stehen als Silhouetten vor großen Fenstern in einer Aussichtsplattform und blicken auf die Kölner Skyline mit Dom. | © WDR/Sandra Stein
    Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) blicken von weit oben auf ihre Stadt Köln. | ©WDR/Sandra Stein

    Im neuen Kölner „Tatort“ trifft Nostalgie auf Verbrechen: Ein Mord führt Ballauf und Schenk zurück in die exzessive Clubszene der 90er. Im einst legendären Colonius-Fernsehturm verschwand vor Jahrzehnten eine junge Frau – und nun stirbt einer ihrer ehemaligen Freunde. Zufall oder späte Rache?

    Seit 1999 ist der 266 Meter hohe Fernsehturm im Herzen Kölns nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Schon 1994 schlossen Gastronomie und Diskothek über den Dächern der feierfreudigen Rheinländer. Mittelalte Kölner Frohnaturen berichten von legendären Partys dort. Inspiration genug für das ortsansässige Ehepaar Eva und Volker A. Zahn, einen Fernsehkrimi zu schreiben, der die 90-er im Colonius genannten Turm wiederaufleben lassen. Die Ermittler Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) müssen den Mord an einem ehemaligen Szene-Fotografen, Dealer und Partyhengst aufklären, der erschlagen in seiner Wohnung liegt. Der Mann hat in letzter Zeit viel rund um seine alte Technoclique recherchiert. Was hat das Opfer im "Tatort: Colonius" vor seinem Ableben umgetrieben?

    Gerade noch hat man die Colonius-Kult-DJane Angelheart (Riccarda Richter) auf dem Friedhof verabschiedet. Nun müssen drei Partyfreunde des Opfers Alex Schmitz (Sven Gerhardt) auf dem Revier "antanzen": der hippe, jung gebliebene Szene-Gastronom Renè Horvath (Andreas Pietschmann), Meike Bennis (Karoline Eichhorn), die im Kunstbetrieb tätig ist, und der bürgerlich gesetzt wirkende Christian Kohlheim (Thomas Loibl). Christian ist damals jung Vater geworden, seine Tochter Swenja (Vanessa Loibl) wurde gerade 30. Ihre Mutter Gina (in Rückblenden: Emma Bading), Christians Freundin, ist während einer der letzten Partynächte im Colonius spurlos verschwunden. Zwar gab es von ihr später zwei Postkarten aus Spanien und Nordafrika, aber die könnten auch Fake sein. Für Christian, Swenja und die ganze Gruppe war das Verschwinden Ginas ein traumatisierendes Erlebnis. Hat sich die überforderte junge Mutter 1993 vom Acker gemacht? Oder wurde auch sie ermordet?

    Tanzen im Spusi-Anzug

    Es ist schon ein Coup, der dem produzierenden WDR da mit dem Drehort Colonius gelungen ist. Schließlich handelt es sich beim Fernsehturm an der Inneren Kanalstraße um einen "verbotenen Ort" inmitten der Stadt. Einer, der wie ein Mahnmal der Erinnerung ans Gestern von überall in der City und um die Stadt herum sichtbar ist.

    Wie passend, dass auch der Fall auf zwei Zeitebenen spielt und immer wieder ins Jahr 1993 zurückkehrt. Zu jener Partynacht, in der die feurige Gina verschwand. Dabei gelingen Regisseurin Charlotte Rolfes ("Tatort: Pyramide") und ihrem Kameramann Rainer Lipski exzellente Colonius-Bilder von endlosen Fahrstuhlschächten, Szenen auf dem Dach oder Ermittlern im Gegenlicht mit der Großstadt zu Füßen. Selbst die Party-Szenen von 1993 zu Technobeats sind in Ordnung. Fachleute wissen, wie schwer überzeugendes Feiern mit vielen Menschen zur Musik im Film zu realisieren sind. Ekstase lässt sich eben nur schwer auf Knopfdruck herstellen.

    Überhaupt spielt im 93. Fall von Ballauf und Schenk Techno immer wieder eine Rolle. Dankenswerterweise hat man nicht versucht, den Kommissaren Mitte 60 entsprechende Club-Biografien in die fiktive Timeline zu schreiben. Aber - es gibt andere schöne Ideen: Einmal untersucht Spurensicherungs-Expertin Natalie Förster (Tinka Fürst) nachts alleine die Wohnung des Opfers und öffnet eine Sounddatei auf dessen Computer. Als daraufhin Technonbeats erklingen, lässt sich Natalie zu einer Tanzsession alleine in ihrem Spusi-Anzug durch die Wohnung treiben. Erfrischend und ungewöhnlich ist auch eine Szene auf dem Präsidium, in der Emotionen eskalieren und es zu Handgreiflichkeiten kommt. Die Schlägerei auf dem Amt wird in Zeitlupe zu blubbernden Soundfilter-Techno inszeniert. Eine der bislang besten Szenen im noch nicht allzu alten "Tatort"-Jahr.

    Referenz an Aimee Mann und "Magnolia"

    Doch wie ist er als Krimi, der neue "Tatort" mit Ballauf und Schenk? Auch wenn sich die Auflösung am Ende eines recht billigen Tricks aus der Mottenkiste des TV-Krimis bedient - was zuvor an möglichen und tatsächlichen Beziehungsgeflechten zwischen den Figuren und zwischen dem Gestern und Heute aufgebaut wird, ist sehenswert spannend. Mit Gaststars wie Andreas Pietschmann, Karoline Eichhorn und Thomas Loibl als alt gewordene Generation Techno ist der Film dazu mit sehr fähigem Personal besetzt, dem man gerne bei der Arbeit zuschaut. Vanessa Loibl, eine gefragte Theaterschauspielerin und Thomas Loibls Filmtochter, ist übrigens nicht mit diesem verwandt - was man aufgrund der Namensgleichheit denken könnte.

    Am Ende hat man jenem Thomas Loibl noch eine Referenz an Paul Thomas Andersons Film "Magnolia" aus dem Jahr 1999 ins Drehbuch geschrieben. Zu einem Original-Song des wunderbaren "Magnolia" Filmscores der Songwriterin Aimee Mann regnet es vom Kölner Himmel ungewöhnliche Dinge. In "Magnolia" sind es Frösche - eine der berühmten skurrilen Szenen der Kinogeschichte. Laut Filmanalysten war dies damals sowohl eine Referenz auf die biblische Plage (und Strafe Gottes) im Buch Exodus, aber auch ein kathartisches Ereignis, das die Charaktere zur Einsicht ihrer Fehler bewegte.

    Auch die Generation Techno im Kölner "Tatort" hat Fehler gemacht. Nur, dass der ein oder andere davon im Party- und Drogennebel des Jahres 1993 vorübergehend verschütt gegangen ist.

    Quelle: Eric Leimann / teleschau

    “Tatort: Colonius” läuft heute, 09.03.2025, um 20.15 Uhr im Ersten.  

    "Tatort" Köln: 90. Fall wird emotional für Ballauf – naht auch hier das Ende?

    Die Kommissare Ballauf und Schenk feiern heute ihrer 90. Fall: „Diesmal ist es anders“.  Denken Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär nach 27 Jahren auch ans Aufhören? Ein Artikel von HÖRZU Reporter Thomas Kunze Der Köln-Krimi beginnt ungewohnt romantisch: Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) verliebt sich. Und „Diesmal ist es anders“, verspricht der Titel des neuen „Tatort“ (So, 23. April, 20.15 Uhr im Ersten). Denn Ballauf hatte in der Vergangenheit schon so viele Affären, dass ihn sein Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) einen „Streuner“ nennt. Nun scheint er endlich die Richtige gefunden zu haben: Journalistin Nicola Koch (Jenny Schily) steht mitten im Leben. „Es ist kein Flirt, keine kurze Affäre. Die beiden begegnen sich auf Augenhöhe“, sagt Behrendt im Gespräch mit HÖRZU. „Und Max, der sich auch übers Älterwerden Gedanken macht, hat die Sehnsucht, in einer festen Beziehung anzukommen.“ Um das optisch zu betonen, haben Regisseur Torsten C. Fischer und sein Team die Begegnungen in ein goldenes Licht getaucht. Doch als Nicola in einen Mordfall ihrer Freundin Mariella (Leslie Malton) verwickelt wird, beginnen die Zweifel. "Wie der Film schließlich aussieht, wissen wir vorher nicht" Ballauf ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach der erfüllenden Beziehung und seinem professionellen Misstrauen als Polizist. Dabei gerät er in Gewissenskonflikte und macht Fehler bei der Arbeit, die ihm Ärger mit Kollege Schenk einbringen. Mit der Frage, wie die Liebesgeschichte ausgeht, bekommt der Krimi neben dem Mordfall eine zweite Spannungsebene. „Das gibt der Handlung eine besondere Fallhöhe und Tiefe“, sagt Dietmar Bär über den außergewöhnlichen 90. Fall der Kölner. „Ich war emotional stark berührt, als ich den fertigen Film gesehen habe“, sagt er. „Wir haben ja nur das Drehbuch als Grundlage. Wie der Film schließlich aussieht, wissen wir vorher nicht, denn auf den Schnitt und die Lichtgestaltung haben wir keinen Einfluss.“ Und der Schauspieler ergänzt: „Mit Regisseur Torsten Fischer ist es jedes Mal ein sehr arbeitsintensiver Prozess. Aber es lohnt sich, denn es kommt immer etwas Besonderes dabei heraus.“ Für Bär und Behrendt sind die wechselnden, stets sehr ambitionierten Regisseure und Regisseurinnen ein Grund dafür, dass sich der Kölner „Tatort“ nicht abnutzt: „Für sie ist der ‚Tatort‘ eine Visitenkarte, für die sie alles geben“, sagt Behrendt.

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    „Tatort“ aus Köln: Max Ballauf ist verliebt – Diesmal ist alles anders

    In Köln laufen die Dreharbeiten zum 90. Fall für die „Tatort“-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). Für Max Ballauf ist dieser Fall eine besondere Herausforderung, denn er findet die Liebe seines Lebens. Der Titel „Diesmal ist alles anders“ könnte darauf hindeuten, dass er diesmal nicht nur eine Affäre hat. Vielleicht hofft er das aber auch nur. Max und Freddy streiten sich Fakt ist, dass Kollege Freddy Schenk sich bei den Ermittlungen zum neuen Mordfall ordentlich mit ihm in die Haare bekommt. Freddy gefällt es nicht, dass Max nicht ganz bei der Sache ist. Er schwebt auf Wolke 7, besteht auf seiner Work-Love-Balance und widmet sich mit Haut und Haaren seiner neuen Flamme, Nicola Koch - gespielt von Jenny Schily. Sie ist die Herausgeberin des Stadtmagazins „Cologne Alive“ und hat Ballaufs Herz im Handumdrehen erobert. Doch dann kommt der Verdacht auf, dass Nicola etwas mit dem Mordfall zu tun hat, den die Kommissare aufklären sollen. Erpressung von Promis Dieses Mal müssen Ballauf und Schenk den Mord an einem Erpresser aufklären. An einem konspirativen Ort unter einer Brücke wird der arbeitslose Peer Schwarz tot aufgefunden. Er wurde absichtlich mit einem Auto angefahren. Die Ermittlungen ergeben, dass das Mordopfer mit großer Wahrscheinlichkeit systematisch Prominente erpresst hat. Offenbar hat Schwarz die Social-Media-Vergangenheit von bekannten Persönlichkeiten nach belastendem Material durchforstet. Musste er deswegen sterben? Eine Spur führt Ballauf und Schenk auch zu der ehemaligen Schlagersängerin Mariella Rosanelli (Leslie Malton), die heute ein Jugendzentrum leitet. Kann Ballauf unbefangen ermitteln, obwohl sich eine Verbindung zu seiner neuen großen Liebe auftut? Die bekannte Truppe Auch in diesem „Tatort“ aus Köln sind mit dabei: Roland Riebeling als Kommissar Norbert Jütte, Tinka Fürst als Kriminaltechnikerin Natalie Förster und Joe Bausch als Rechtsmediziner Dr. Roth. Neben Leslie Malton und Jenny Schily sind in weiteren Gastrollen zu sehen: Juliane Köhler, Annina Hellenthal, Benjamin Höppner, Katja Hutko, Robert Nickisch, Reiner Schöne, Brigitte Zeh Ein Sendetermin steht noch nicht fest.

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